Laufen, springen, werfen – und dabei die eigenen Grenzen ein kleines Stück verschieben: Seit fast 20 Jahren nimmt Claus beim Osterrönfelder TSV das Deutsche Sportabzeichen ab. Mitmachen können Kinder, Jugendliche und Erwachsene – eine Vereinsmitgliedschaft ist nicht erforderlich. Und manchmal stehen Eltern und Kinder sogar gemeinsam an der Startlinie.
„Wir sind nicht in der Schule.“ Wenn Claus diesen Satz sagt, ist ziemlich schnell klar, worum es ihm beim Sportabzeichen des OTSV geht. Natürlich sollen Leistungen erbracht werden. Natürlich wird trainiert, gemessen und um die eine oder andere Sekunde oder ein paar Zentimeter gekämpft. Aber eines steht für den 64-Jährigen mindestens genauso weit oben: „Wir wollen Leistung bringen, aber wir wollen auch Spaß haben.“
Seit 2007 nimmt Claus beim OTSV das Deutsche Sportabzeichen ab. Angefangen hat alles mit einigen Eltern, die sich neben dem Fußball eine weitere sportliche Möglichkeit für ihre Kinder wünschten. Den früher zur Sportwoche gehörenden Dreikampf gab es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Claus war damals ohnehin viel im Sport unterwegs. Sein Sohn Matthias war ein leistungsstarker Läufer, Claus begleitete ihn häufig. Im Juni 2007 absolvierte er schließlich in Malente selbst die notwendige Prüfung. Seitdem besitzt er die Prüferlizenz, die regelmäßig aufgefrischt werden muss.
Wenn aus Training Gemeinschaft wird
Was zunächst stärker nach Altersgruppen getrennt war, hat sich mit den Jahren verändert. Heute stehen Kinder, Jugendliche und Erwachsene häufig gemeinsam auf dem Sportplatz. Das gefällt Claus. Denn dadurch kommt es durchaus vor, dass Kinder ihre Eltern mitbringen – und sich anschließend mit ihnen messen. Wer läuft schneller? Wer springt weiter? Plötzlich wird aus dem Sportabzeichen eine kleine Familienangelegenheit.
Dabei geht es nicht darum, an einem einzigen Nachmittag sämtliche Anforderungen erfüllen zu müssen. Claus dokumentiert die Leistungen während der Saison. Wird eine Zeit schneller oder eine Weite größer, kann die verbesserte Leistung berücksichtigt werden.
Und manchmal braucht es eben mehrere Anläufe. Einen solchen Moment erlebte Claus an diesem Nachmittag mit Pepe. Vor den Sommerferien hatte der Junge mehrere Versuche abgebrochen. Dieses Mal klappte es. Anschließend erlebte Claus ihn ganz anders: „Heute ist er stolz wie Oscar.“ Genau solche Entwicklungen sind es, die ihm an seiner Aufgabe besonders gefallen.
„Jedes Jahr ein kleiner Anreiz“
Wie lange das Sportabzeichen begleiten kann, zeigt Nele. Sie kennt das Angebot bereits seit ihrer Kindheit und kommt immer wieder. „Jedes Jahr ist es ein kleiner Anreiz, mitzumachen“, sagt die heute 28-Jährige. Dabei klappt längst nicht an jedem Tag alles so, wie man es sich vorgenommen hat. Im Weitsprung hatte sie sich diesmal 3,90 Meter vorgenommen, am Ende standen 3,75 Meter. Kein Grund, den sportlichen Ehrgeiz abzulegen. Beim Sprint ging es gemeinsam mit Marten weiter.
Auch er ist längst kein Neuling mehr. Seit zwölf Jahren macht Marten das Sportabzeichen. Für ihn ist es eine Möglichkeit, nach dem Winter wieder „aus der Wohlfühlzone rauszukommen“, gemeinsam Sport zu treiben und gleichzeitig etwas für sich selbst zu tun. Und wenn er schon dabei ist, darf es gerne etwas mehr sein. Obwohl in seiner Altersklasse beim Sprint 50 Meter vorgesehen sind, trat er mit Nele über die 100 Meter an. Auch die drei Kilometer nahm er zusätzlich in Angriff. Sein persönlicher Anspruch ist dabei ziemlich einfach formuliert: „So gut wie möglich.“
Nicht nur etwas für Vereinsmitglieder
Wer beim Sportabzeichen des OTSV mitmachen möchte, muss kein Mitglied des Vereins sein. Das Angebot steht auch Interessierten von außerhalb offen. Gelegentlich kommen Teilnehmer gezielt nach Osterrönfeld, weil sie das Deutsche Sportabzeichen für eine Bewerbung benötigen – beispielsweise bei der Polizei. Gerade dabei erlebt Claus allerdings auch, dass die Anforderungen unterschätzt werden.
Einfach vorbeikommen und sämtliche Leistungen ohne Vorbereitung abhaken? Das funktioniert nicht zwangsläufig. „Du musst schon ein bisschen üben“, sagt Claus. Problematisch werde es insbesondere dann, wenn Bewerber erst kurz vor Ablauf ihrer Frist feststellen, dass ihnen noch der entsprechende Nachweis fehlt. Grundsätzlich braucht es für Claus aber vor allem zwei Dinge: ein wenig sportliches Talent – und Lust darauf, es auszuprobieren.
Mehr als Sekunden und Zentimeter
Der sportliche Teil ist ohnehin nur eine Seite dessen, was Claus seit mittlerweile fast zwei Jahrzehnten erlebt. Kinder kommen teilweise mit acht oder zehn Jahren zu ihm und bleiben bis zum Ende ihrer Schulzeit. Er sieht sie größer werden, sportlich besser werden – und manchmal auch persönlich aus sich herauskommen. Manche hätten anfangs kaum mit ihm gesprochen, erzählt er. Mit der Zeit tauen sie auf, entwickeln Vertrauen und kommen gerne wieder. Besonders talentierte junge Sportlerinnen hat Claus auch schon an andere Vereine weiterempfohlen, damit sie sich dort gezielt in der Leichtathletik entwickeln können.
Andere kommen sogar dann auf den Sportplatz, wenn sie gerade überhaupt keinen Sport treiben können. Claus erinnert sich an ein Mädchen, das sich nach einem Sturz vom Pferd den Fuß verstaucht hatte. Sie kam trotzdem vorbei. Vielleicht könne sie ja wenigstens beim Abhaken helfen. Für Claus ist auch das Sportabzeichen. „Es macht einfach Spaß, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten“, sagt er. Nach einem solchen Nachmittag sei er zwar häufig völlig fertig. „Aber das ist egal.“
Ohne Schwimmfähigkeit geht es nicht
Zum Deutschen Sportabzeichen gehört neben den sportlichen Leistungen auch der Nachweis der Schwimmfähigkeit. Wie dieser erbracht werden muss, hängt unter anderem vom Alter und den jeweils geltenden Vorgaben ab. Wenn während der Saison eine Schwimmabnahme notwendig ist, stimmt Claus entsprechende Termine mit dem Schwimmbad ab.
Auch sonst muss nicht alles auf einmal funktionieren. Gerade das regelmäßige Training bietet die Möglichkeit, unterschiedliche Disziplinen auszuprobieren und an den eigenen Schwächen zu arbeiten. Nicht jedem liegt schließlich dasselbe. Wer beim Werfen Schwierigkeiten hat, kann seine Stärken möglicherweise in einer anderen Disziplin ausspielen.
Seit 1997 ein Teil des OTSV
Claus selbst trat 1997 in den Osterrönfelder TSV ein. Er spielte viel Volleyball, engagierte sich 15 Jahre lang für den Moorlauf und fand schließlich mit dem Sportabzeichen eine weitere Aufgabe, die zu ihm passt.
Inzwischen bekommt er dabei Unterstützung. Dennis hat ebenfalls die notwendige Prüfung absolviert. Und auch die Eltern packen immer wieder mit an, wenn auf dem Sportplatz zusätzliche Hände gebraucht werden – sei es beim Harken der Sprunggrube oder an anderer Stelle.
Für Claus gehört dieses Miteinander zum Vereinsleben. „Jeder hat seinen Sport und ich bin im Verein absolut respektiert“, sagt er über seine inzwischen fast 30 Jahre beim OTSV. „Das finde ich total gut an diesem Verein.“
2027 geht es wieder los
Nach den Osterferien beginnt die nächste Sportabzeichen-Saison beim OTSV. Los geht es am ersten Mittwoch nach den Osterferien 2027. Die genauen Zeiten und weitere organisatorische Informationen werden rechtzeitig bekannt gegeben. Wer bislang glaubt, das Deutsche Sportabzeichen sei nichts für ihn, dem gibt Claus einen denkbar einfachen Rat: „Probier es aus. Ganz einfach.“
Denn wer anschließend feststellt, dass es doch nicht das Richtige ist, für den sei auch das völlig in Ordnung. Für Claus selbst steht dagegen längst fest, warum er immer wieder auf dem Sportplatz steht. „Das ist meine Welt hier. So hat jeder seins. Und so ist auch das Sportabzeichen ein Baustein im OTSV.“
